Anfahrschutz am Regal: Pflicht, Höhe und Material

Ortsfeste Regale, die mit frei gelenkten Staplern oder Hubwagen be- und entladen werden, brauchen an jeder Ecke zum Fahrweg einen Anfahrschutz. Er muss mindestens 0,3 m hoch sein, gelb-schwarz gekennzeichnet, darf nicht mit dem Regal verbunden sein und muss eine Aufprallenergie von mindestens 400 Joule aufnehmen. Die DGUV empfiehlt allerdings 400 mm Höhe, und genau diese Höhe sollten Sie bestellen.

Kurz zusammengefasst

  • Pflicht besteht an den Eckbereichen ortsfester Regale, auch an Durchfahrten, sobald nicht leitliniengeführte Flurförderzeuge dort arbeiten (DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5).
  • Mindestens 0,3 m hoch und 400 J Energieaufnahme. Empfohlen werden 400 mm, im Einzelfall mehr.
  • Der Schutz steht frei vor dem Regal, ist im Boden verankert und hat eine gelb-schwarze Gefahrenkennzeichnung.
  • 400 J sind wenig: Ein Stapler mit 4 t Gesamtmasse erreicht diese Energie schon bei rund 1,6 km/h.
  • Ein verformter Anfahrschutz wird zeitnah ersetzt, der Schaden wird sofort gemeldet und das Regal dahinter geprüft.

Wann ein Anfahrschutz Pflicht ist

Pflicht ist er an allen Eckbereichen ortsfester Regale, die mit nicht leitliniengeführten Fördermitteln beschickt werden, ausdrücklich auch an Durchfahrten. Das betrifft praktisch jedes Palettenregal mit Gegengewichtsstapler, Schubmaststapler oder Hubwagen.

Die Grundlage steht heute in der DGUV Information 208-061 „Lagereinrichtungen und Ladungsträger“ (Ausgabe November 2023, aktualisierte Fassung Juli 2024). Sie ist aus der DGUV Regel 108-007 „Lagereinrichtungen und -geräte“ entstanden, die die DGUV zurückgezogen hat. Viele Shop- und Herstellerseiten zitieren noch die alte Regel. Inhaltlich hat sich beim Anfahrschutz wenig geändert, für Ihre Gefährdungsbeurteilung und für Gespräche mit der Berufsgenossenschaft sollten Sie aber die aktuelle Fundstelle nennen.

„Nicht leitliniengeführt“ heißt: Der Fahrer lenkt frei. Fahren Schmalgangstapler dagegen in einer Schienen- oder induktiven Führung, gilt die Pflicht für diese Gassen nicht, weil das Fahrzeug die Regalecke konstruktionsbedingt nicht treffen kann. Eine zweite Ausnahme betrifft verfahrbare Regalanlagen: Die Innenseiten der ortsfesten Endregale brauchen keinen Anfahrschutz.

Wo nur von Hand eingelagert wird, etwa an einem Fachbodenregal im Kleinteilelager, greift die Pflicht nach Abschnitt 4.2.5 nicht. Fährt dort aber regelmäßig ein Hubwagen vorbei, gehört die Frage in Ihre Gefährdungsbeurteilung. Hubwagengabeln treffen Regalfüße genau in der Höhe, die ein niedriger Eckschutz abdeckt.

Höhe, Energieaufnahme und Kennzeichnung

Die Mindestanforderung lautet 0,3 m Höhe und 400 J Energieaufnahme, dazu eine gelb-schwarze Kennzeichnung und keine Verbindung zum Regal. Die DGUV empfiehlt im selben Abschnitt eine Höhe von 400 mm und im Einzelfall mehr.

Die höhere Empfehlung hat einen praktischen Grund. Gabelzinken, Palettenkufen und die Radarme von Hubwagen und Hochhubwagen liegen oft knapp über 300 mm, wenn die Last leicht angehoben transportiert wird. Ein 300 mm hoher Winkel wird dann überfahren statt getroffen. Die DGUV Information 208-043 „Sicherheit von Regalen“ nennt ebenfalls 400 mm als Mindesthöhe für den Eckschutz.

Anforderung Wert Fundstelle
Mindesthöhe 0,3 m DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5
Empfohlene Höhe 400 mm, im Einzelfall mehr DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5; DGUV Information 208-043, Abschnitt 4.7
Energieaufnahme mindestens 400 J DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5
Befestigung im Boden verankert, nicht mit dem Regal verbunden DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5; DGUV Information 208-043, Abschnitt 4.7
Kennzeichnung gelb-schwarze Gefahrenkennzeichnung DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5
Nach Beschädigung zeitnah ersetzen, Schaden sofort melden DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5 und Anhang 4

Warum der Schutz nicht am Regal hängen darf, ist schnell erklärt: Er soll die Energie aufnehmen, bevor sie die Stütze erreicht. Ist er mit dem Rahmen verschraubt, leitet er den Stoß direkt in die Stütze, und genau das soll verhindert werden.

Was 400 Joule in der Praxis bedeuten

400 J sind eine Untergrenze für leichte Anstöße, keine Auslegung für einen Stapler in voller Fahrt. Die Bewegungsenergie wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit, deshalb ist sie schon bei Schrittgeschwindigkeit ein Vielfaches davon.

Gerechnet wird mit der Formel E = ½ × m × v². Die Massen im folgenden Beispiel sind Annahmen in einer typischen Größenordnung. Für Ihre eigene Rechnung nehmen Sie Eigengewicht plus Last Ihres Fahrzeugs aus dem Typenschild und dem Datenblatt.

Fahrzeug (Annahme) Gesamtmasse Geschwindigkeit Aufprallenergie
Hubwagen mit voller Palette 1.100 kg 2 km/h (0,56 m/s) rund 170 J
Hubwagen mit voller Palette 1.100 kg 4 km/h (1,11 m/s) rund 680 J
Elektrostapler mit Last 4.000 kg 2 km/h (0,56 m/s) rund 620 J
Elektrostapler mit Last 4.000 kg 5 km/h (1,39 m/s) rund 3.860 J

Umgekehrt gerechnet: Der Stapler mit 4.000 kg erreicht 400 J bereits bei etwa 1,6 km/h, der beladene Hubwagen bei etwa 3,1 km/h. Ein Eckschutz, der nur die Mindestanforderung erfüllt, fängt also das Anrempeln beim Rangieren ab. Für Ecken an Hauptverkehrswegen, an denen Stapler zügig um die Kurve fahren, brauchen Sie deutlich mehr Reserve.

Für den Einkauf heißt das: Lassen Sie sich die Energieaufnahme in Joule nennen und fragen Sie, wie der Hersteller sie nachgewiesen hat. Angaben wie „für Stapler geeignet“ oder eine bloße Materialstärke reichen nicht, um Produkte zu vergleichen.

Welcher Schutz an welche Stelle gehört

An Regalecken zum Fahrweg gehört ein bodenverankerter Eckschutz, an Stirnseiten am Hauptverkehrsweg ein Rammschutzbügel über die ganze Breite. Stützenschutz in der Gasse ist eine sinnvolle Ergänzung, ersetzt den Eckschutz aber nicht.

Stelle im Lager Geeigneter Schutz Hinweis
Regalecke an Gang oder Quergang, Stapler oder Hubwagen Eckschutz (Rammschutzwinkel) aus Stahl, bodenverankert Pflicht; 400 mm Höhe bestellen
Stirnseite einer Regalreihe am Hauptverkehrsweg Rammschutzbügel oder Leitplanke vor der gesamten Stirnseite schützt auch den mittleren Rahmen, den der Eckwinkel nicht erreicht
Durchfahrt durch eine Regalreihe Eckschutz an beiden Seiten der Einfahrt, auf beiden Gangseiten ausdrücklich in Abschnitt 4.2.5 genannt
Stützen innerhalb der Gasse Stützenschutz aus Stahl oder Kunststoff von der DGUV als bewährt beschrieben, zusätzlich zum Eckschutz
Schmalgang mit Schienen- oder Induktionsführung kein Eckschutz nach 4.2.5 erforderlich Gangeinfahrten mit freiem Verkehr trotzdem absichern
Fachbodenregal, nur von Hand beschickt keine Pflicht bei Hubwagenverkehr in der Gefährdungsbeurteilung bewerten

Zum Material: Stahlwinkel und Bügel aus Stahl sind die Standardlösung für den Pflichtschutz an den Ecken. Kunststoffprofile und Schaumummantelungen, die direkt um die Stütze gelegt werden, dämpfen kleine Stöße an den Stützen und schonen Fahrzeug und Ware. Weil sie mit dem Regal verbunden sind, erfüllen sie die Anforderung an den Eckschutz aber nicht. Es gibt auch bodenverankerte Systeme aus Polymer, die nach einem Stoß in ihre Form zurückgehen. Ob sie für Ihre Fahrzeuge reichen, entscheidet wieder die nachgewiesene Energieaufnahme, nicht das Material.

Montage: Abstand, Verankerung, Sichtbarkeit

Der Anfahrschutz steht mit etwas Luft vor der Stütze, damit er sich beim Aufprall verformen kann, ohne das Regal zu berühren. Verankert wird er mit den vom Hersteller vorgegebenen Dübeln in einem Boden, der diese Kräfte aufnimmt.

Den genauen Abstand zur Stütze gibt der Hersteller vor, weil er davon abhängt, wie weit sich das Profil bei der Nennenergie verformt. Liegt der Schutz direkt an, wirkt er bei einem kräftigen Stoß wie ein Hebel auf den Regalfuß. Steht er zu weit vorn, ragt er in den Fahrweg und wird häufiger getroffen.

Für die Verankerung zählen Betongüte, Plattendicke und Randabstand. Auf Gussasphalt, dünnen Estrichen oder Hallenböden mit Fugen in der Ecke halten Standarddübel oft nicht, was die Energieangabe des Herstellers voraussetzt. Klären Sie das vor der Bestellung.

Auf die Kennzeichnung achten Sie auch nach Jahren noch: Ein abgefahrener, grauer Winkel wird im Halbdunkel des Gangs übersehen. Achten Sie außerdem darauf, dass Paletten seitlich genug Luft zur Stütze haben. Die DGUV Information 208-043 nennt für Regale bis 9 m Höhe mindestens 75 mm seitlichen Abstand zwischen Stütze und Ladeeinheit. Wird dieser Abstand unterschritten, stößt die Palette selbst gegen die Stütze, und der Eckschutz hilft dagegen nicht.

Aus der Praxis

Ein häufiger Fehler: Der Anfahrschutz wird zusammen mit dem Regal bestellt und vom Monteur direkt an die Fußplatte oder den Ständer geschraubt, weil der Boden an der Ecke Fugen hat oder das Bohren mühsam ist. Optisch ist die Ecke dann geschützt, technisch landet jeder Stoß im Regal. Bei der nächsten Regalprüfung fällt das als Mangel auf.

So vermeiden Sie es: Legen Sie bei der Regalplanung fest, wo Eckschutz hinkommt, lassen Sie die Bodenverhältnisse an diesen Stellen prüfen und nehmen Sie die freie Bodenverankerung in die Abnahme der Montage auf.

Wenn es geknallt hat: Ablauf nach einem Anfahrschaden

Ein beschädigter Anfahrschutz zeigt, dass Energie an der Regalecke angekommen ist. Melden Sie den Schaden sofort, prüfen Sie das Regal dahinter und ersetzen Sie den Schutz zeitnah.

  1. Fahrer meldet den Anstoß sofort dem Lagerverantwortlichen, auch wenn „nichts passiert“ ist. Die DGUV Information 208-061 verlangt die sofortige Meldung ausdrücklich auch für den Anfahrschutz (Anhang 4).
  2. Stütze, Fußplatte und Verankerung hinter dem Schutz ansehen. Ist die Stütze verformt oder steht sie schief, das betroffene Feld entladen und sperren.
  3. Schaden nach dem Ampelschema der Regalprüfung nach DIN EN 15635 einstufen lassen. Bei Zweifeln entscheidet eine befähigte Person, bevor das Feld wieder beladen wird.
  4. Verformten Anfahrschutz zeitnah ersetzen (DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5). Ein eingedrückter Winkel nimmt beim nächsten Stoß kaum noch Energie auf.
  5. Vorfall dokumentieren: Datum, Stelle, Fahrzeug, getauschte Teile. Häufen sich Schäden an derselben Ecke, ist die Verkehrsführung das Problem, nicht der Fahrer.

Die wöchentliche Sichtkontrolle, die viele Betriebe für ihre Regale eingeführt haben, sollte den Anfahrschutz ausdrücklich mit abfragen. Kratzer und abgeriebene Farbe an einem Winkel verraten Anstöße, die niemand gemeldet hat.

Anfahrschutz ersetzt keine sichere Verkehrsführung

Der beste Eckschutz hilft wenig, wenn Gänge zu eng geplant sind oder Fahrer unter Zeitdruck um die Kurve ziehen. Breite Fahrwege, gute Sicht an Kreuzungen und unterwiesene Fahrer verhindern mehr Schäden als jedes Stahlprofil.

Prüfen Sie deshalb bei gehäuften Schäden zuerst, ob die Gangbreite zum eingesetzten Fahrzeug passt, ob Ecken durch Paletten oder Leergut zugestellt sind und ob die Fahrer ausreichend ausgebildet sind. Für Gegengewichts- und Schubmaststapler ist eine Ausbildung nach DGUV Grundsatz 308-001 üblich, mehr dazu im Ratgeber zum Staplerschein. In Anlagen mit großen Höhen, etwa im Hochregal und Hochregallager, sind die Folgen eines Anfahrschadens an einer unteren Stütze besonders groß, dort lohnt sich Stützenschutz an jeder Stütze in der Gasse.

Unsere Einschätzung

Bestellen Sie für jede Regalecke an einem Fahrweg einen bodenverankerten Eckschutz aus Stahl mit 400 mm Höhe und einer nachgewiesenen Energieaufnahme, die zu Ihren Fahrzeugen passt. Die gesetzlichen 0,3 m und 400 J sind ein Minimum, das bei Staplerverkehr schnell überschritten wird. An Stirnseiten zum Hauptverkehrsweg lohnt sich ein durchgehender Rammschutzbügel, in stark befahrenen Gassen zusätzlich Stützenschutz.

Nicht lohnen sich schwere Stahlbügel an Fachbodenregalen, die nur von Hand bestückt werden und an denen kein Flurförderzeug vorbeifährt. Dort ist das Geld in einer ordentlichen Gangbreite und einem freigehaltenen Boden besser angelegt.

Wie sich Anfahrschutz in die Planung eines Lagers einfügt, zeigt der Überblick Lagerregale und Lagertechnik: Systeme, Tragfähigkeit und Sicherheit im Überblick. Für die Auslegung der Regale selbst finden Sie Details im Ratgeber zum Palettenregal: Aufbau, Maße, Tragfähigkeit und Planung und zum Schwerlastregal.

Häufige Fragen zum Anfahrschutz am Regal

Ist ein Anfahrschutz am Regal gesetzlich vorgeschrieben?

Für ortsfeste Regale, die mit frei gelenkten Flurförderzeugen beschickt werden, ja. Die Anforderung steht in der DGUV Information 208-061, Abschnitt 4.2.5, und konkretisiert die Pflichten aus Arbeitsschutzgesetz und Betriebssicherheitsverordnung. Wer davon abweicht, muss in der Gefährdungsbeurteilung zeigen, dass er die gleiche Sicherheit auf anderem Weg erreicht.

Wie hoch muss ein Anfahrschutz sein?

Mindestens 0,3 m. Die DGUV empfiehlt 400 mm und im Einzelfall mehr, weil Gabeln und Radarme oft knapp über 300 mm liegen. Die DGUV Information 208-043 nennt für den Eckschutz ebenfalls 400 mm.

Darf ich den Anfahrschutz am Regal festschrauben?

Nein. Der Anfahrschutz muss frei vor dem Regal stehen und im Boden verankert sein. Am Regal befestigte Profile, etwa Kunststoffummantelungen der Stützen, gelten als Stützenschutz und ersetzen den Eckschutz nicht.

Muss der Anfahrschutz gelb-schwarz sein?

Ja, er braucht eine gelb-schwarze Gefahrenkennzeichnung. Ob das Profil selbst so lackiert ist oder eine dauerhafte Markierung trägt, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass sie gut sichtbar bleibt, also nach Abrieb erneuert wird.

Was gilt für Durchfahrten im Regal?

Durchfahrten werden behandelt wie Regalecken: Beide Seiten der Einfahrt bekommen einen Anfahrschutz, und zwar auf jeder Gangseite, von der aus Fahrzeuge einfahren. Abschnitt 4.2.5 nennt Durchfahrten ausdrücklich.

Wie oft muss der Anfahrschutz geprüft werden?

Eine eigene Frist gibt es nicht. Prüfen Sie ihn bei der regelmäßigen Sichtkontrolle der Regale mit und bei der wiederkehrenden Regalprüfung durch die befähigte Person. Nach jedem gemeldeten Anstoß sehen Sie ihn sofort an und tauschen ihn bei Verformung aus.

Quellen

Hinweis: Dieser Ratgeber ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung oder Prüfung durch eine befähigte Person.

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